Suchtkrankheiten

Hier ist die Flucht das zentrale Problem: “Sucht” hängt nicht nur sprachlich mit “Suchen” zusammen. Alle Süchtigen suchen etwas, machen jedoch auf ihrer Suche zu früh halt und bleiben so auf einer Ersatzebene stecken. Suche sollte zum Finden führen und dadurch erlöst werden.

Jesus sagte:

Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet; und wenn er findet, wird er erschüttert sein; und wenn er erschüttert worden ist, wird er sich wundern und wird über das All herrschen.”

(Thomas-Evangelium, Log. 2.).

Alle großen Helden aus Mythologie und Literatur sind auf der Suche – Odysseus, Don Quichotte, Parzival, Faust -, doch sie hören nicht auf zu suchen, bis sie gefunden haben. Die Suche führt den Helden durch Gefahr, Wirrsal, Verzweiflung und Dunkelheit. Doch wenn er findet, läßt ihn das Gefundene alle Anstrengungen nichtig erscheinen. Jeder Mensch ist auf der Irrfahrt und wird dabei zu den eigenartigsten Gestaden der Seele verschlagen – doch er sollte nirgends hängen- und haftenbleiben, sollte nicht aufhören zu suchen, bis er gefunden hat.

Suchet, und ihr werdet finden …”, heißt es im Evangelium. Wer sich aber von den Prüfungen und Gefahren, den Mühen und Wirrnissen des Weges abschrecken läßt, wird süchtig. Er projiziert das Ziel seiner Suche auf etwas, was er auf dem Weg bereits gefunden hat, und beendet seine Suche. Er verleibt sich sein Ersatzziel ein und wird nicht satt. Den Hunger versucht er durch immer mehr der “gleichen” Ersatznahrung zu stillen und bemerkt dabei nicht, dass mit dem Essen der Hunger wächst. Er ist süchtig geworden und gesteht sich nicht ein, dass er sich im Ziel geirrt hat und dass er weiter suchen müsste. Angst, Bequemlichkeit und Verblendung halten ihn fest. Jedes Verweilen auf dem Weg kann süchtig machen. Überall lauern die Sirenen und versuchen, den Wanderer festzuhalten und an sich zu binden – ihn süchtig werden zu lassen.

Alle Formen machen süchtig, wenn man sie nicht durchschaut: Geld, Macht, Ruhm, Besitz, Einfluß, Wissen, Vergnügen, Essen, Trinken, Askese, religiöse Vorstellungen, Drogen. Was immer es ist – alles hat seine Berechtigung als Erfahrung, und alles kann zum Suchtmittel werden, wenn wir versäumen, uns davon wieder zu lösen. Sucht ist die Feigheit vor neuen Erfahrungen. Wer sein Leben als eine Reise begreift und immer unterwegs ist, ist ein Suchender, kein Süchtiger. Um sich als Suchender zu erfahren, muß man sich seine Heimatlosigkeit eingestehen. Wer an Bindungen glaubt, ist bereits süchtig. Wir alle haben unsere Suchtmittel, die immer wieder unsere Seele betäuben. Nicht die Suchtmittel sind das Problem, sondern unsere Bequemlichkeit beim Suchen. Die Betrachtung der Suchtmittel zeigt uns bestenfalls das dominante Thema, nach dem sich ein Mensch sehnt. Dabei wird unser Blick leicht einseitig, wenn wir dabei die kollektiv akzeptierten Suchtmittel (Reichtum, Fleiß, Erfolg, Wissen etc.) aus dem Auge verlieren. Dennoch wollen wir hier kurz nur diejenigen Suchtmittel in Stichworten charakterisieren, die allgemein als pathologisch eingestuft werden.

Thorwald Dethlefsen, Ruediger Dahlke – Krankheit als Weg, 2008, Bassermann-Verlag